Sterneneltern: Trauerwege verstehen & Beziehungen stärken

Interview
Wieso führt der Verlust eines Kindes nach einer stillen Geburt oder Fehlgeburt oft zu einer Belastung in der Partnerschaft? Und was können Sterneneltern (Paare, die ein Baby verloren haben) tun, um ihre Beziehung wieder zu stärken? Diesen und weiteren Fragen widmet sich dieses Interview mit Ines Fuchs, einer Diplompsychologin, approbierten Psychotherapeutin und Fachbuchautorin.
Im Laufe dieses Videos werden Sterneneltern (von frühem Kindsverlust betroffene Eltern) oft in der gemischtgeschlechtlichen Form angesprochen. Trotzdem sollen explizit Elternteile aller Geschlechter sowie Geschlechtsidentitäten eingeschlossen werden, die direkt oder indirekt von einem frühen Kindsverlust betroffen sind.

In vielen Fällen ist ein früher Kindsverlust eine Belastung für die Eltern, die teilweise von Frauen und Männern unterschiedlich erlebt oder ausgedrückt wird. Wie sehen hierbei Unterschiede aus und woran liegt das?

Das ist natürlich immer so eine Tendenz, die wir sehen. Ich will jetzt auch nicht total in die Klischee-Kiste greifen, aber erfahrungsgemäß ist es schon so, dass gerade bei frühen Fehlgeburten die Frauen stärker leiden als die Männer oder die Partner:innen, die eben nicht das Kind in sich getragen haben. Man muss sich das so vorstellen: Für die Partner:innen ist ja das Kind eher eine „Idee”, während die schwangere Person das in den ersten Wochen auch schon deutlich, also zumindest diese körperlichen Veränderungen und irgendwann auch Kindsbewegungen spürt. Die sind dann auch erst relativ spät von außen für die Partner:innen fühlbar. Dann finde ich auch noch, dass Frauen in unserer Gesellschaft im Durchschnitt ihre Gefühle auch einfach stärker nach außen tragen. Und ja, wie gesagt, es gibt da natürlich auch Ausnahmen, es kann genauso gut auch mal umgekehrt sein, aber so erfahrungsgemäß würde ich sagen, ist das schon so der Hauptkonflikt. Dann haben Männer auch oft den Anspruch, ihre Partnerin zu unterstützen, was ja auch schön ist, um auch so ein bisschen den „Starken” zu spielen. Und das wird dann auch oft vom Umfeld erwartet, es wird dann gefragt: „Wie geht es deiner Frau bzw. deiner Partnerin?” Aber jetzt nicht unbedingt: „Wie geht es dir damit?” Bei Männern ist es auch so, dass es eher zu einem Alkoholmissbrauch nach schwierigen Erlebnissen kommt. Da geht es auch um Gefühlsregulation. Das ist einfach eine Dynamik, die sich ungünstig auswirken kann, wenn jetzt die Frau dann sehr stark kommunizieren will und über den Verlust sprechen möchte. Und der Mann ist eher so: Weitermachen und nach vorne schauen. Es ist auch möglich, dass es vielleicht Differenzen gibt in der Beziehung, die so durch den Verlust intensiviert werden. Also gar nicht unbedingt etwas Neues, sondern vielleicht auch etwas, was vorher schon da war. Und oft ist halt auch die Frage: Wie gehen wir denn nach dieser Verlusterfahrung weiter vor? Probieren wir es gleich wieder? Machen wir noch eine Diagnostik? Das sind ja manchmal auch invasive Geschichten. Oder wollen wir es überhaupt nochmal probieren? Und da fühlt sich eine:r vielleicht seelisch und körperlich gar nicht so weit, und der oder die Andere möchte das. Also nicht so ganz einfach per se.

Sind das schon die größten Herausforderungen bzw. Konfliktpunkte, die dann auch zu einer Trennung führen können?

Also, da muss ich ganz klar sagen, dass wir wissen, dass die Trennungsrate nach einem frühen Kindsverlust nicht erhöht ist. Also prinzipiell kann es eine kleine Krise auslösen – muss aber auch nicht – und viele Paare berichten sogar, dass sie nach so einem Verlust stärker zusammengeschweißt wurden. Und das ist glaube ich auch ganz wichtig und beruhigend für betroffene Paare zu wissen. Ich denke, die Beziehungen, die in die Brüche gehen, waren eher vorher vielleicht schon fragil und konfliktbeladen. Aber vielleicht ist das ja auch eine Möglichkeit für gemeinsames Wachstum. Ich glaube, das Problem ist hauptsächlich, wenn einem bzw. einer nicht so richtig bewusst ist, wie unterschiedlich der Umgang ist und man dem bzw. der anderen das nicht so zugestehen kann. Also was z.B. auch typisch ist, ist, dass Person A intensiv trauert und Person B sich eher zurückzieht. Person A hat dann das Gefühl, das ist so was, warum trauert Person B nicht? Und kehrt dann die eigene Trauer fast schon aggressiv nach außen. Und Person B kehrt sich dann immer mehr zurück. Also da haben wir so einen komplementären Prozess – das ist eigentlich was recht typisches in der Situation.

Ist das so ein typischer Fehler, der auch manchmal gemacht wird?

Ja, ich denke schon.

Was können denn Sterneneltern aktiv tun, um sich gegenseitig anzunähern, diesen Verlust gemeinsam zu verarbeiten und wieder zusammenzuwachsen?

Ich denke, der erste Schritt und vielleicht der Wichtigste ist, sich vielleicht bewusst zu machen, dass beide Partner:innen vielleicht an unterschiedlichen Punkten stehen. Das ist so die Standardantwort. Vielleicht ist auch am Wichtigsten tatsächlich die Kommunikation und offen darüber zu sprechen, zu versuchen, sich in den Partner bzw. die Partnerin einzufühlen und sich zu unterstützen. Das finde ich auch wichtig, das muss ja nicht alles über verbale Kommunikation stattfinden, sondern wir können ja auch viel Körperkontakt haben, uns so Nähe geben, Unterstützung signalisieren. Und das fällt vielleicht auch Leuten leichter, die z.B. nicht so gut mit Worten ihre Gefühle ausdrücken können. Dann, was ich auch noch wichtig finde, ist, vielleicht ein gemeinsames Ritual zu finden, falls es stimmig ist. Das ist immer unter der Voraussetzung, dass es für die Leute auch passt. Sich vielleicht auch regelmäßig Zeit zu nehmen, über das Erlebte zu sprechen, wenn sonst wenig Raum dafür ist. Aber ich denke, es ist auch okay, wenn ein:e Partner:in schneller im Alltag ankommt als der bzw. die andere, weil man ja auch über diese Verankerung im Alltag total viel Kraft und Halt finden kann. Also es ist immer beides denke ich: Trauer und Verankerung im Alltag. Mir ist noch ganz wichtig zu sagen, es gibt auch keine richtige oder falsche Art, zu trauern. Es ist eher wichtig, offen mit den eigenen Wünschen und Ängsten zu sein und das ist aber gar nicht so leicht, das so stehen zu lassen, dass jemand anderes das vielleicht anders empfindet und ausdrückt als ich.

Nur weil jetzt eine Person vielleicht scheinbar eher im Alltag aktiver ist, vielleicht auch wieder arbeiten geht und nicht so darüber spricht, heißt es nicht, dass sie nicht trauert?

Nein, überhaupt gar nicht. Die Person macht das vielleicht anders mit sich aus oder es gibt diese Momente. Ich denke auch, also jede:r muss sich da sehr gut in sich einfühlen und schauen, was wichtig für eine:n ist. Natürlich geht es auch nicht darum, das total zu verdrängen und wegzuschieben. Also das ist auch wieder ein schmaler Grad. Es gibt nicht die Trauer. Trauer hat unterschiedliche Gesichter, genauso wie Liebe unterschiedliche Gesichter hat. Es ist wichtig, das zu akzeptieren.

Was können konkrete (Trauer-)Rituale sein, die Eltern helfen können?

Das ist abhängig vom Zeitpunkt des Verlustes, würde ich sagen und auch von den Bedürfnissen, die die Eltern so haben. Also da sehen wir tatsächlich ganz unterschiedliche Sachen. Was ich ganz schön finde, ist zum Beispiel eine Box mit Erinnerungen aus der Schwangerschaft, vielleicht mit Ultraschallbildern oder anderen Erinnerungen. Ein Ritual, das können aber auch gemeinsame Gespräche bei bestimmten Spaziergängen sein, oder auch ein innerer Dialog, den ich mit dem Kind führe. Eine Kerze anzuzünden. Vielleicht auch besondere Orte in der Natur finden. Wie gesagt, es ist wichtig, dass es für die jeweilige Person stimmig ist. Ich empfehle aber schon am Anfang nach einem Verlust, eigentlich jeglicher Art, sich für die Trauer auch bewusst Zeit zu nehmen und vielleicht so ein Ritual zu finden, um einen Raum zu geben. Und das hilft auch gleichzeitig, die Trauer ein bisschen zu begrenzen, damit man im Alltag nicht total überschwemmt wird.

Bei stillen Geburten ist es nochmal ein bisschen anders. Da werden zum Beispiel auch Fotos von Sternenfotograf:innen angeboten, Fußabdrücke vom Baby. Das kann in dem Moment schwer erscheinen, da jemanden in so einen intimen Moment reinzulassen. Allerdings sagen wirklich (fast) alle verwaisten Eltern, die sich dafür entschieden haben, dass sie total froh sind, diese Erinnerung zu haben. So ein weiterer Punkt ist auch das Thema: Wie bestatte ich? Da gibt es ja unterschiedliche Bestattungsrechte und -pflichten je nach Bundesland und Schwangerschaftswoche. Möchte ich da ein Kindergrab? Möchte ich eine Gedenkstätte? Möchte ich eine große oder kleine Trauerfeier oder nur einen privaten Moment? Was ich auch noch wichtig finde, ist das Thema Jahrestage: Da auch zu wissen, dass die Trauer sich da intensiviert. Und da würde ich auf jeden Fall auch raten, wenn es für eine:n passt, ein Ritual zu machen. Und ansonsten, das geht jetzt ein bisschen über die Frage mit den Ritualen hinaus, aber dass halt Selbstfürsorge super wichtig ist. Vielleicht auch mit dem Fokus auf körperliche Aspekte wie ein schönes Bad nehmen, sich massieren lassen, Yoga (natürlich nur, wenn ich Yoga mag), weil sich viele Frauen auch ganz enttäuscht vom eigenen Körper fühlen. Also Dinge, die mir sonst auch Kraft geben, die mir Freude bereiten oder Menschen, die mir Freude bereiten. Vielleicht auch einen lustigen Film gucken, der gar nichts mit dem Thema Kinder zu tun hat. Und vielleicht nochmal wichtig dieser Aspekt, den ich vorher auch schon mal nannte: Ja, man kann abwechselnd trauern und sich dem Leben zuwenden und auch beides gleichzeitig, das schließt sich ja auch nicht aus.

Also sozusagen dem Guten im Leben und dem, was man vielleicht auch verloren hat, beidem gleichermaßen Raum geben?

Ja, das hast du schön gesagt.

Was sind andere Angebote oder Unterstützungsformen, die Familien oder speziell auch Sterneneltern helfen können – in dieser Zeit sowie in der Zeit danach?

Bei einer späteren Fehlgeburt oder stillen Geburt kann ich sehr, sehr empfehlen, Rückbildungskurse für verwaiste Mütter zu besuchen. Das ist glaube ich eher in Großstädten vorhanden. Einfach weil es super wichtig ist – genau wie nach jeder Geburt, nur da wird das dann vergessen, wenn das Kind eben gestorben ist – dass ja der Körper sich auch wieder erholen muss: Beckenboden und alles, was dazu gehört. Und jetzt kann man sich vorstellen, dass das ein ziemlicher Albtraum ist für diese Frauen, in einen normalen Rückbildungskurs zu gehen, eben mit „glücklichen Müttern”. Und das ist gleichzeitig auch so ein bisschen wie eine Selbsthilfegruppe. Es gibt auch Selbsthilfegruppen für frühe Fehlgeburten, auch für später. Da würde ich mal gucken, was es in der Region gibt. Wenn das was ist, weil das ja natürlich was ganz anderes ist. Also die Frauen fühlen sich oft, ja, vielleicht nicht so verstanden oder haben das Gefühl, sie sind die einzigen, wenn sie jetzt in ihrem Umfeld nicht so darüber sprechen. Und dann fühlt man sich einfach nicht so allein. Das andere ist, es gibt auch konkrete Trauerbegleitung. Da kann man sich auch beispielsweise an Hospize wenden, da sind sehr gut ausgebildete Leute. Oder auch an eine psychosoziale Beratungsstelle. Wenn ich das Gefühl habe, es ist eher was tiefergehendes oder vielleicht hatte ich vorher auch schon meine Themen, kann man auch eine Psychotherapie machen oder zumindest sich mal vorstellen. Und dann gibt’s auch noch Möglichkeiten stationärer Art, eine Rehamaßnahme, eine Kur, eine stationäre Behandlung. Ja, das ist jetzt einiges. Und so ein erster Ansprechpartner bzw. eine erste Ansprechpartnerin kann ein Hausarzt bzw. eine Hausärztin sein – je nachdem, wie gut informiert sie auch zu dem Thema sind. Aber sie funktionieren gut als Zuweiser:innen.

Vieles (z.B. der Rückbildungskurs) ist aus körperlichen Gründen für die Person wichtig, die das Kind ausgetragen hat. Gibt es Selbsthilfegruppen & Co. auch für Väter?

Genau, also nicht super viel. Aber in größeren Städten wurde versucht, das zu etablieren, z.B. mit Fußball für die Väter (lacht). Also da merkt man, das sind Dinge, womit Väter dann in die Aktivität kommen, weil das für sie oft das passendere Angebot ist.

Wenn du zurzeit von dem Thema betroffen bist oder eine Person kennst, die davon betroffen ist, dann informiere dich gerne weitergehend in den anderen Interviews zu diesem Thema oder lies die Beiträge hier in der Mediathek. Natürlich stehen dir auch unsere psychologischen Ansprechpersonen immer gerne zur Verfügung. Für die Zukunft wünschen wir dir alles Gute!
Dieser Artikel wurde von Evermood erstellt und zuletzt am aktualisiert.